Archiv - Gewissen
 

2009
Artikel (auf Deutsch & Englisch) und eine Power-Point-Präsentation, Radio- und Fernsehinterviews

Andere Arbeiten in der Archiv-Serie, sind unter Archiv – Fury zu befinden.

Deutsche Version: Tanya Ury und Amin Farzanefar, Lektorat: Amin Farzanefar

 
 

„Selbstverständlich konnte bei solcher Behandlungsfrequenz von einer ordentlichen Protokollierung und Evaluation des therapeutischen Fortgangs, auch im Falle Ihres Großonkels, nicht mehr die Rede sein. Außerdem, sagte Dr. Abramsky, ist das gesamte Aktenmaterial, die Anamnesen, die Krankengeschichten und die unter Fahnstock ohnehin nur recht kursorisch geführten Tagesberichte, in der Zwischenzeit wahrscheinlich längst von den Mäusen gefressen worden, die von der Narrenburg nach ihrer Auflassung Besitz ergriffen und sich seither dort drinnen bis ins Ungeahnte vermehrt haben. Jedenfalls höre ich in windstillen Nächten ein ständiges Huschen und Rascheln durch das ausgetrocknete Gehäuse gehen, und bisweilen, wenn der volle Mond hinter den Bäumen heraufkommt, erhebt sich auch, wie mich dünkt, ein aus Tausenden von winzigen Kehlen gepresster, pathetischer Gesang. Dem Mäusevolk gilt heute meine Hoffnung, und sie gilt den Holzbohrern, den Klopfkäfern und Totenuhren, die das ächzend an einigen Stellen schon nachgebende Sanatorium über kurz oder lang zum Einsturz bringen werden. Ich habe von diesem Einsturz einen regelmäßig wiederkehrenden Traum, sage Dr. Abramsky und blickte dabei in die Fläche seiner linken Hand. Ich sehe das Sanatorium auf seinem erhobenen Platz, sehe alles zugleich, das Gebäue in seiner Gesamtheit sowohl als jede kleinste Einzelheit, und ich weiß, dass das Fachwerk, das Dachstuhlgebälk, die Türstöcke und Paneele, die Böden, Dielen und Stiegen, die Geländer und Balustraden, Rahmungen und Gesimse unter der Oberfläche restlos bereits ausgehöhlt sind uns dass jeden Augenblick, wenn der aus der blinden Heerschar der Käfer auserwählte mit einem letzten Schaben seines Kieferrands den letzten, schon gar nicht mehr materiellen Widerstand durchbricht, alles in sich zusammensinken wird. Und so geschieht es dann auch, vor meinen Traumaugen, mit unendlicher Langsamkeit, und eine große, gelbliche Wolke steigt auf und verweht, und an der Stelle des ehemaligen Sanatoriums bleibt nichts als ein Häufchen puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl.“

S. 164-66 Die Ausgewanderten – Vier lange Erzählungen, W.G. Sebald, 1992, Fischer Taschenbuch Verlag, 11. Auflage Januar 2006, ISBN-13: 978-3-596-12056-7

 

Am 3. März 2009 stürzt das Historische Archiv der Stadt Köln, das größte Archiv in Deutschland. Tausend Jahre deutscher Geschichte, von mittelalterlichen Handschriften bis zu den Nachlassen von 900 Kölner Persönlichkeiten – Autoren wie Heinrich Böll, Günter Wallraf, Irmgard Keun, die Komponisten Jacques Offenbach und Max Bruch – werden unter einem Haufen Schutt begraben.

Nach dem Tod meiner Mutter in London vor zehn Jahren, brachte ich die Nachlässe der letzten Generationen meiner Familie zurück nach Deutschland – an jenen Ort, dem sich nicht alle durch Flucht die Überlebenden des Nationalsozialismus hatten entziehen können. Ich entschied mich spezifisch für dieses Archiv, weil hier bereits der Nachlass meines Großonkels Wilhelm Unger nach seinem Tod 1985 aufgehoben wurde.

Unser persönliches Archiv umfasste neben originalen Noten meines Vaters - zwei Opern und andere musikalische Kompositionen, und den Filmdrehbüchern meines Großvaters Alfred Ungers, auch die Photographien und Briefe jener Familien-Mitglieder, die in Nazi-Deutschland ermordet wurden. Von diesen Dokumenten haben wir keine Kopien.

Eine neue U-Bahnstrecke wurde von der KVB (Kölner Verkehrs-Betriebe AG) zu nah an dem Archiv gebaut; frühzeitig, lange vor der Katastrophe, gab es Berichte über aufgetauchte Risse, die man aus unbekannten Gründen ignorierte:

xxxxxxx“(Eberhard) Illner selbst habe im Sommer letzten Jahres Senkungsrisse im Keller xxxxxxxfestgestellt und dies auch an die Archivleitung weitergegeben. Er war bis Herbst xxxxxxx2008 im Archiv Abteilungsleiter für Nachlässe, Sammlungen und Fotografie und leitet xxxxxxxnun das historische Zentrum in Wuppertal.” www.bild.de

Mit verschiedenen Medien werde ich Recherchen über das Familienarchiv betreiben, und über das berichten was unter dem Gewicht der eigenen Geschichte, begraben wurde.