archive burn out

2014

 

Die Konzert-Performance: archive burn out, wurde mit „Suspended Beliefs“ am 10. April im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln aufgeführt. Mitwirkende KünstlerInnen der Veranstaltung, die Gedichte und Texte zu improvisierter Musik einschließt, waren: Tanya Ury (Stimme), Gernot Bogumil (Trompete), Kasander Nilist (Kontrabass), Hans Salz (Percussion). Die Performance wurde von Freya Hattenberger dokumentiert und geschnitten und kann hier gesehen werden:

Dokumentation: 46:06 Minuten: https://vimeo.com/112831445
Trailer: 6:51 Minuten: https://vimeo.com/112828403
Zugabe: 8:30 Minuten: https://vimeo.com/112828985

 

Tanya Ury entwickelte archive burn out, einen gesprochenen Text, zusammen mit den Improvisationsmusikern von der Band Suspended Beliefs: Gernot Bogumil - Trompete, Kasander Nilist - Kontrabass, Hans Salz - Percussion. Jeder der vier Teile: the gatherers (die Sammler), the library (die Bibliothek), anti gone (gegen Verschwinden) und burn out (ausbrennen) stellt die verschiedenen Stufen in der Entwicklung und den letztendlichen Kollaps eines Archivs dar. Ein Video-Clip über die Bücherverbrennung unter den Nazis 1933, im Kontext dieses Stücks, das auf den Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln hinweist, fünf Jahre nach diesem Vorfall, verbindet die beiden Ereignisse.

 

Die improvisierte Musik hat eine Form, die verschiedene Konzepte integriert. Zum Beispiel wird ein westafrikanischer Rhythmus des “Ewe”-Volkes nachempfunden. Mit einer pentatonischen Skala, werden ostasiatische Sounds kreiert. Jazzartige bzw. eher abstraktere Klänge der neuen Musik, sowie ein choral-ähnliches Element, gestalten Teile dieser Improvisation, um Diversität und Inklusion in der Ansammlung eines Archivs anzudeuten, bevor es wegen der Zensur/Nachlässigkeit scheitert.

Wenn Freud an einem Archivübel/Verlangen nach dem Archiv gelitten hat, wenn sein Fall in die Kategorie einer Störung/Verwirrung des Archivs gehört, so geschieht das nicht ohne Grund zeitgleich in dem Übel und der Störung des Archivs, welche wir heute erleben, ob es sich nun um seine leichtesten Symptome oder die großen holocaustischen Tragödien unserer Geschichte so-wie unserer modernen Geschichtsschreibung handelt; um all die verabscheuenswürdigen Revisionismen sowie um die legitimsten, notwendigen und mutigen Um-Schriften der Geschichte.

S. 159 “Dem Archiv Verschreiben – Eine Freudsche Impression  
Archive Fever – A Freudian Impression”, Jacques Derrida 1994, Brinkmann & Bose Verlag Berlin 1997 ISBN 3-922660-67-3

Innerhalb von Geist und Körper trägt der Mensch eine verborgene persönliche Bibliothek, welche die genetische Erinnerung und das Unterbewusstsein beinhaltet. Ein Archiv kann über die Summe dieser Bestandteile hinausgehen, wenn zwischen den Zeilen (Regalwänden), die Stimme des Subaltern irgendwie in den Körper des Museums, als mündliche Geschichte etwa, inkorporiert wird – nicht eingemauert und vergessen (anti gone – gegen Verschwinden). Tanya Urys Stück archive burn out plädiert für die Wiedereinsetzung des Versteckten oder Ausgeschlossenen.

 

 

In dem Stück integriert, sind Zitate aus u.a.:

 

“Wir bauen eine Stadt”, Kinderoper, Paul Hindemith 1930

“The Story of General Dann and Mara’s Daughter, Griot and the Snow Dog” (Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund), Doris Lessing 2005

“The Post Card – From Socrates to Freud and Beyond” (Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits), Jacques Derrida 1987

“Archive Fever: A Freudian Impression” (Dem Archiv verschrieben – Eine Freud'sche Impression), Jacques Derrida 1995

“Fahrenheit 451”, Ray Bradbury 1953 - Film von François Truffaut 1966

“The Emigrants” (Die Ausgewanderten), W.G. Sebald 1992

Und aus Elfriede Jelineks E-Mailkorrespondenz mit Joachim Lux, aus dem Programmheft „Das Werk“, Burgtheater 2002/2003. 

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Eine hegemoniale Macht mag ihren brutalen Willen demonstrieren, wenn Fraktionen von etablierter Geschichte der Gesellschaft einfach beseitigt oder missachtet werden. Ob es zufällig geschieht, so wie im Alexandria 48 v. Chr. – der Legende nach, hat Julius Cäsar die größte Bibliothek der antiken Welt während eines Konfliktes mit Achillas versehentlich niedergebrannt; oder mit Absicht – der armenische Genozid von 1915 wird in der Türkei heute immer noch geleugnet; aufgrund von Intrigen – mit der Auslöschung bestimmter nicht mehr gewünschter historischer Tatsachen, wie im Sowjetrussland von 1929, als Stalin Bilder von Trotzki und anderen Politikern aus offiziellen Photographien wegretuschieren ließ (sie wurden als Volksfeinde eingestuft, nachdem sie Stalins Diktatur in Frage gestellt haben); oder wie in Deutschland unter der Naziherrschaft, als ein großer Teil des Kulturerbes mit der Bücherverbrennung der so genannten „entarteten Literatur“ 1933, symbolisch vernichtet wurde.


In all diesen Fällen werden die Signifikanz einer Minderheitenkultur untergraben, oder die Aspekte einer Geschichte, welche die herrschenden Mächte zu begraben versuchen– sogar in dem Fall von Alexandria wurde das fehlende Wissen über die Bedeutung des Archivs seitens der erobernden Armee, als Rechtfertigung für die Zerstörung der Bibliothek betrachtet. Durch all diese Mechanismen des Ausschlusses oder der Beseitigung, könnte die Minderheitsstimme unterschlagen werden und verschwinden. In der Tat: nicht nur genetisches, sondern auch kulturelles Überleben wird von den politischen Gemeinwesen entweder gesichert oder negiert.

Wilhelm Unger, ein jüdischer Autor, Theaterkritiker und Journalist aus Köln, war Tanya Urys Großonkel. Vor seinem Tod in 1985 vermachte er seine Privatbibliothek dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte e. V. in Duisburg. Ungers privater Nachlass wurde jedoch dem Historischen Archiv der Stadt Köln geschenkt, das tragischerweiser einstürzte - mitsamt dem Familiennachlass der Tanya Ury Familie, welcher auch das Vermächtnis ihres Vaters - seine Kompositionen - und die Schriften ihres Großvaters Alfred Unger beinhaltete. Ein Video-Ausschnitt (5:30 Minuten) der Dokumentation „Verbannte und Verbrannte Kunst” aus den frühen Achtziger Jahren wird als Teil der Performance projiziert (Dank an Kaos Kunst & Video-Archiv e.V. Cologne). Dieser Clip beinhaltet auch einen Zeitungsausschnitt aus 1933, über die Bücherverbrennung vom 17. Mai, in Köln, die von Studenten auf dem Universitätsgelände im Namen der Nationalsozialisten unternommen wurde. Weiterhin sieht man ein Interview mit Wilhelm Unger, der die Verbrennung seiner eigenen Bücher miterlebt hat.

Das Historische Archiv der Stadt Köln hat einen deutlich größeren Speicher als ein Museum (auch weil ein Archiv die Details und Augenblicke eines vergangenen Lebens in sich fasst). Eine Nachlässigkeit wurde erst lange nach dem Einsturz des 2009 deutlich – die Gebäudeabsenkung erfolgte nicht nur infolge unzähliger korrupter Geschäftspraktiken während der Konstruktion einer neuen Straßenbahn in der Nähe – dieses Archiv, die größte kommunale Sammlung nördlich von den Alpen, hätte gerettet werden können, wenn man die alarmierenden Risse in den Kellerräumen, über der Archivverwalter drei Monate zuvor berichtet hatte, ernst genommen hätte – es wäre genug Zeit gewesen, vor dem Einsturz Sicherungsarbeiten zu unternehmen.

Die Implikationen der Nachlässigkeit in diesem Fall werden noch problematischer, wenn man sich vor Augen führt, dass dieses Archiv die Nachlässe von Künstlern, Architekten, Autoren, Choreographen, das heißt Freidenkern1, doch auch jüdische Familien beinhalteten (Briefwechsel aus den Kriegsjahren unter den Nazis werden mit dem Einsturz verschwunden gegangen sein).

Obwohl fünf Jahre nach dem Einsturz des Historischen Archivs viele der verlorenen geglaubten Materialien gerettet wurden, in Museen in ganzen Deutschland eingelagert sind und gereinigt werden – ist es den Inhabern der Nachlässe immer noch nicht erlaubt, ihr Erbe zu besichtigen.

 

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Nach dem Tod ihrer Mutter Sylvia, in London 1998, entschied die Künstlerin Tanya Ury, zusammen mit weiteren engen Verwandten, dem Historischen Archiv in Köln, das als größtes Archiv auf dieser Seite der Alpen gilt, die Familiendokumente und Papiere zu schenken.

Durch Nachlässigkeit auf Seiten der Baufirma eines neuen Straßenbahntunnels in der Gegend, aber auch der Archivbehörden, die warnende Risse in den Gebäudewänden nicht ernst genommen hatten, stürzte das Historische Archiv am 3.3.2009 ein und in etwa 900 individuelle Nachlässe, inklusive tausend Jahre alter Materialien, wurden - mit Schutt und Trümmern vermengt – begraben.

Die Familie Ury/Unger verlor eine Menge von Korrespondenzen, die aus der Zeit von vor dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten 1990er Jahre hinein stammen – historische Dokumente, Super-8-Filme, Photographien, Musiknoten und viele journalistische Tonaufnahmen – dies alles die über gebliebenen Spuren eine Familie, die eng in die Entwicklung deutscher Kultur vor und nach dem zweiten Weltkrieg involviert war. Der Nachlass repräsentiert Memorabilien aus 4 Generationen einer jüdisch-deutschen Familie von Überlebenden, die auch Exil oder Vernichtung durch die Nazis erlebt hat.

 

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Während Tanya Urys Großonkel Wilhelm Unger seine Bibliothek, die viele Bücher zu jüdisch-historischen Themen umfasst, der Stadt Duisburg vermacht hat, ist sein persönliches Archiv jedoch bei dem  Kölner Archiv-Desaster 2009 verschwunden. Unger, der 1984 starb, war auch als Mitbegründer der Schriftensammlung Germania Judaica in der Stadtbibliothek, ein wichtiger Kölner Akteur. Alfred Ungers persönliche Bibliothek, mit ihren vielen deutschen Klassikern und signierten Ersteditionen gilt leider jetzt noch als vermisst. Auch wenn diese Bücher in einem Museumslagerraum irgendwo in Deutschland eingelagert sind, in einer der 19 Institutionen, wohin die gesamten geretteten Archivmaterialen nach dem Unfall geschickt wurden – sind die Nachlassgeber informiert worden, dass es ca. 30 Jahre dauern wird, alles zu sichten und zu säubern.

Die Implikationen des Verlustes eines solchen Familienarchivs sind weit reichend, wenn man bedenkt, dass vieles davon die letzten Zeichen einer Familie darstellt, die emotional, wenn nicht physisch durch Nazideutschland zerstört wurde. Im Angesicht eines wiederholten Vertrauensmissbrauchs durch Deutschland, und eines Gefühles der Verzweiflung nach den Ereignissen vom 3. März 2009, erlebte Tanya Ury ein burn out.

Sie war nicht allein – viele Archivarbeiter, die an dem Tag des Einsturzes dort arbeiteten und knapp mit dem Leben davongekommen sind, oder die Historiker, deren Studien mit dem Verlust der Recherchematerialien beendet wurden, haben ebenfalls einen psychischen Zusammenbruch erlitten. Die Performance, betitelt burn out, deutet diese emotionale Erschöpfung an, sowie die Zerstörung durch Feuer.

 

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Eine Parallele zu der nationalsozialistischen Bücherverbrennung, die Urys Großvater Alfred in Berlin erlebte - als verbrannter Autor - und die sein Bruder Wilhelm Unger in Köln beobachtete - als unbeteiligter Augenzeuge - wurde von der Künstlerin und Nachlassgeberin Tanya Ury gezogen: burn out erinnert an die Zerstörung damals und an den aktuellen Verlust des Archivs.

 

 

1 Inklusive der Künstlerin Mary Baumeister, Peter Busmann, des Architekten des Museum Ludwigs und der Philharmonie in Köln, des jüdischen Komponisten Jacques Offenbach und des Literatur-Nobelpreisträgers Heinrich Böll.

 

 

Ausschnitt aus archive burn out (Probe von 5.4.14) - Tanya Ury (Stimme/Text), Gernot Bogumil (Trompete), Kasander Nilist (Kontrabass), Hans Salz (Percussion), mit einem Zitat aus “The Post Card – From Socrates to Freud and Beyond”, Jacques Derrida, 1987 (Die Postkarte - von Sokrates bis an Freud und jenseits).

Ausschnitt aus archive burn out (Probe von 5.4.14) - Tanya Ury (Stimme/Text), Gernot Bogumil (Trompete), Kasander Nilist (Kontrabass), Hans Salz (Percussion)