Poker Poems

(im Drei-Viertel-Takt)

2003

15 A4-Seiten englische Verse (nicht veröffentlicht), "spiegelverkehrt" handgeschrieben, in hellem Holz gerahmt. (Mit Handspiegel - wird bereitgestellt.)

Versicherungspreis: 1000 Euro

 

 

Die Poker Poems beschreiben im Grossen und Ganzen, eine in der Vorstellung existierende Interaktion zwischen dem Diktator Adolf Hitler und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein. Es ist durchaus denkbar, dass sie sich als Jugendliche kennen gelernt haben. Hitler und Wittgenstein wurden beide im Abstand von 5 Tagen geboren, der eine am 20.4.1889 und der andere am 26.4.1889. Beide besuchten als 14-Jährige die gleiche Schule im österreichischen Linz und waren auch literarische Zeitgenossen: Wittgensteins “Tractatus Logico-Philosophicus”, 1921 veröffentlicht, war in den deutschen Schützengraben des ersten Weltkrieg geschrieben, Hitlers “Mein Kampf” in 1924. Kimberley Cornish stellt sein Buch „Der Jude aus Linz“, 1998, die Prämisse auf, dass der anonyme Jude in “Mein Kampf” Wittgenstein hätte sein könnten.

Tanya Ury hat in vielen ihrer Texte den Namen Hermè adaptiert. In den Poker Poems spielt Hermes auf „her“ und „me“ (ihr und ich) an, zwei Gegensätze. Weitere Anspielungen auf andere unheilige Zwillingspaare sind: Ludwig Wittgenstein und der Philosoph Karl Popper, Alice (aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll 1832-98) und Paulinchen (aus Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann 1809-94). Parallelen werden auch zwischen den biblischen Zwillingen Jakob und Esau gezogen, zwischen Jakob und dem Engel, Jeckyll und Hyde, usw.

In Ury’s Poker Poems wird auf Wittgenstein als eine „Sie“ bezug genommen. Die gesamte Form der Arbeit ist auch invers – es sind „Gedichte hinter dem Spiegel „spiegelverkehrt“ geschrieben- wie die Jabberwocky-Gedichte von „Alice hinter den Spiegeln“. Die Kalligraphie des Poker Poems (der Poker-Gedichte) erscheinen, in einem Spiegel betrachtet, ungeschickt und kindisch. Häufig ist der Sinn des „Tractatus“ von Wittgenstein analog zu der unsinnige Natur von Alices Universum; Lewis Carroll veröffentliche mehrere „logische Rätsel“ für Kinder, die von Logikern als bedeutsam angesehen waren.

***

Auch andere Kunstarbeiten Urys lassen sich als „visuelle Poesie“ verstehen. Moving Message 1992, beinhaltet ein LED-Display mit den Wörtern: you are why; Sonata in Sea 1999-2000 ist eine Photoserie kombiniert mit Poesie und wrestlewithyourangel 2001 ist ein Neonleuchtzeichen, das zusammen mit dem Neonzeichen neonazi 2001 angefertigt wurde; der Titel eines Photo-Doppel-Porträts lesser is me more or less 2003 spielt auf den Namen von Lesser Ury an, den deutschen Post-Impressionisten, sowie auf den Titel eines weiteres Doppel-Porträts or else 2007, der auf die deutsche Autorin Else Ury deutet. Der Titel eines dritten Porträt-Photos Beelzebularin 2005 (in der Serie Promised Land) entschlüsselt sich als Anagram des biblischen „Bezalel Ben Uri“. half dimensional - semi detached 2010 schließlich kombiniert das erste der half dimensional poems mit der Photographie semi detached.

Die Leiter, auf die sich die letzten Zeilen von Wittgenstein’s „Tractatus“ beziehen, ist in den Poker Poems eine „Jakobsleiter“ oder ein Quecksilber-Thermometer:

“6.54 Mein Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)

Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.”

 

Auszug aus Wittgenstein’s “Tractatus Logico-Philosophicus”

 

 

Wittgenstein, der im Ersten Welt-Krieg eine Tapferkeits-Medaille bekam, musste im Zweiten Welt-Krieg seine Familie freikaufen die durch die Nürnberger Gesetze wurde sie als "jüdisch" bezeichnet wurde. In Urys Gedicht ersetzt Adolf Hitler die Person von Karl Popper, dem Wettstreiter für die philosophische Krone -, der sich mit Wittgenstein ein berüchtigtes Poker-Spiel der Wörter in einem Moral Science Club Seminar, 1946, in Cambridge, England lieferte. Es war das einzige mal, wo sich die beiden österreichisch- jüdischen Emigranten getroffen haben. Ihre Meinungen divergierten; wo Wittgenstein Rätsel zu entziffern suchte, strebte Popper nach der Lösung von Problemen. Für Popper ging es um mehr als nur um die Entwirrung einer linguistischen Gleichung; er glaubte, dass Philosophie pragmatisch sein müsse, dass die moralische Pflicht eines Philosophen darin bestehe, bei der Schaffung demokratischer Systeme Beistand zu leisten. Popper glaubte, dass Wittgensteins Sprachtheorien in ihren Abstraktionen gefährlich seien, und aktuelle politische Entwicklungen nicht berücksichtigen. Der Krieg war gerade erst vorbei; England litt immer noch unter der Rationierung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern. Es war kalt und die einzige Wärmequelle in H3, dem Raum, in dem der Disput stattfand, war ein kleiner, offener Kamin. Innerhalb weniger Minuten nach Eröffnung der Debatte entbrannte eine erbitterte Auseinandersetzung, die sich schnell zu einem ernsten Wortgefecht entwickelte. Wittgenstein, der seine Gedanken zu illustrieren versuchte, ergriff aus dem Feuer ein heißes Schüreisen (englisch: ‚Poker') und schien Popper damit zu bedrohen. Während sie ihre jeweilige Dominanz in den Sphären der Philosophie demonstrieren wollten, erinnerten Wittgenstein und Popper einander doch zugleich an die Nutzlosigkeit der Philosophie im Anblick von Hitlers brutaler Macht. Aber war das der wirkliche Grund ihres Streits?

"In jüdischer Hinsicht könnte man ihn (Wittgenstein) als einen in der Wildnis wandernden traditionellen Tsaddik, einen Heiligen, betrachten." (S.18: Wittgenstein's Poker, Edmonds and Eidinow, 2001 Faber and Faber UK). Wittgenstein, der vermutlich latent homosexuell war, verkörperte alles, was in Hitlers nationalsozialistischem Gesellschaftsmodell verachtet war.

Ähnlich wie das durch eine Spaltung des Gehirn-Kortex hervorgerufene Alien-Hand-Syndrom, bei dem ein ‚dominantes' Oberglied des Körpers gegen den Willen des Besitzers agiert (die rechte Hand weiß buchstäblich nicht, was die Linke tut) symbolisierten die Zwillinge des Schicksals Hitler und Wittgenstein - Demagoge und Visionär- die beiden Pole einer Gesellschaft, die sich selbst zerstörte.

Tanya Ury



Gedichte als PDF