weißer neger

2011-03-06 -2011-05-22

Video-Installation mit Live-Performance-Lesung.

In 2012 wurde eine DVD zur Projektion des Gedicht-Layouts produziert (Bildformat 4:3), mit einer nicht synchronisierten doppelten Voice-Over-Tonspur. (42 Minuten, Trailer: 2 Minuten).

Information
Gedichte, Design
Ton-Aufnahme 1. Tanya Ury 2. Jules Desgoutte
Video Edit Mirco Sanftleben
Lektorat Amin Farzanefar

Das Live-Konzert "CrissCross/Anamnesis #10“ des Komponisten und experimentellen Live-Musikers Jules Desgoutte, beinhaltete Ausschnitte bearbeiteter Aufnahmen aus der Gedichtreihe weißer neger von Tanya Ury und Ausschnitten aus Krýstóf Szabós DER VERREIFTE GARTEN BAUCH LIEBSTER ATEM, Sa., 13. Oktober 20:00 Uhr & So., 14. Oktober 18:00 Uhr, Barnes Crossing in der Wachsfabrik, Köln (D)

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Das Stück weißer neger ist, ebenso wie half dimensional poems (halbdimensionale Gedichte, 2009-2011) und cement (Befestigte Gedichte 2011) auf Englisch und Deutsch als Gedichtverse geschrieben. In Stil und Absicht ist es auch „konkrete Poesie“, eine Kollektion aus durcheinander geworfenen, abstrakten Gedanken, missverstandener Unterhaltung und falsch gelesenen Texten, die alle zusammen, Alltag und Gemüt der jüdischen Künstlerin reflektieren. Aber im Unterschied zu Tanya Urys anderen Beispielen konkreter Poesie, wird dieses Stück als Performance mit mehreren Darstellern vorgetragen und schließt an die Themen jüdische Identität und Leben in Deutschland heute an.

Im Sommer 2010 begab ich mich nach einer Brustkrebsbehandlung zur Kur nach Scheidegg im Allgäu. Am ersten Abend in der Klinik setzte ich mich zu einer Gruppe von Frauen, die draußen auf der Terrasse über das Wetter redeten. Es herrschte eine Hitzewelle und ich erzählte, dass ich oft schon vorher wusste, wann es regnen würde, weil meine Haare stark auf Luftfeuchtigkeit reagierten. Eine ältere Frau neben mir betrachtete mich und meine krausen grauen Haare und verkündete „Weißer Neger“.

Du bist, was Du sagst und obwohl diese Frau es vielleicht nicht absichtlich böse gemeint hat, war ihre Aussage doch rassistisch. Keine der anderen Frauen reagierte auf meinen entsetzten Gesichtsausdruck. Als die naive Frau weiter fragte, woher ich denn käme (wahrscheinlich in der Erwartung, dass ich mein mediterran-wirkendes Haar mit einer exotischen Herkunft erklären würde) verkündete ich, dass meine Großeltern aus der Gegend stammten und von Ulm aus ins KZ verschleppt wurden, und jetzt reicht’s mir aber. Ich bin aufgestanden, habe mich von den Frauen entfernt und am nächsten Tag bin ich wieder nachhause abgereist - mir war klar, dass das einzige, was mich mit dieser Runde von deutschen Frauen an diesem Ort verband, unsere Krebskrankheit war.

Den Begriff „Weißer Neger“ hatte ich schon mal gehört: 2004 veröffentlichte Axel Hacke ein Buch, dessen Titel „Der weiße Neger Wumbaba“ sich von einer falsch interpretierten Zeile aus dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ herleitet: „Der Wald steht schwarz und schweiget / und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar.“ Den letzten Vers hatte Hacke in seiner Kindheit als „Der weiße Neger Wumbaba“ missverstanden. Wenn man bewusst ein Buch mit einem solche fragwürdigen Titel veröffentlicht, ist es ohne Frage eine rassistische Handlung.

Tanya Ury

Stellungnahme zu Der weiße Neger Wumbaba
Der Afrikanische Dachverband Norddeutschland e.V. (ADV-Nord e.V.) möchte sich an der seit geraumer Zeit kontrovers gefährten Diskussion einer Deutung des Titels sowie der Abbildungen auf den Covern der Buchreihe “Der weiße Neger Wumbaba” von Axel Hacke und Michael Sowa beteiligen und gibt die folgende Stellungnahme ab.

Es ist für den Verband nicht nachvollziehbar und völlig unverständlich, dass für diese Bücher, die sich mit dem Thema des Verhörens von verschiedenen Liedtexten befassen, dieser Titel und die Abbildungen eines weiß angemalten Afrikaners ausgewählt wurden. Die Verwendung des Wortes “Neger” sowie die weiter reproduzierte Abbildung der Karikatur eines Afrikaners “Knochen im Haar, Wulstlippen und Bastrock” auf dem Buchdeckel ist für uns nicht hinnehmbar. Diese Karikatur erinnert stark an Abbildungen früherer Zeiten, von denen wir gehofft hatten, dass sie mittlerweile überwunden sind. Ohne den Autoren oder dem Verlag eine explizit rassistische und stereotypisierende Haltung unterstellen zu wollen, ist es für den ADV-Nord e.V. erschreckend festzustellen, dass eine Sensibilisierung für die Nicht-Verwendung rassistisch geprägter Wörter und Bilder noch nicht in ausreichendem Maß stattgefunden hat. Das mittlerweile zu Recht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verbannte Wort “Neger” spiegelt für afrikanische Menschen nicht nur den irrtümlich überwunden geglaubten Schmerz der Sklaverei, der Unterdrückung und der Verbrechen durch den Kolonialismus sowie die Schrecken des Nationalsozialismus wieder, sondern ruft auch die Diskriminierungen, die Herabwürdigungen wach, denen schwarze Menschen immer noch alltäglich ausgesetzt sind. Der Ausdruck gehört darüber hinaus dem Sprachgebrauch von fremdenfeindlichen, rassistischen und menschenverachtenden Organisationen an, die mit der Verwendung des Wortes “Neger” eindeutig darauf abzielen, Menschen mit dunkler Hautfarbe zu erniedrigen und zu beleidigen.

Der ADV-Nord e.V. setzt sich aktiv für positiv verlaufende Integrationsprozesse ein, er engagiert und beteiligt sich auch, wenn andere Organisationen und Institutionen gegen Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufrufen. Umso bedauerlicher ist es zu erleben, dass dieses Engagement durch die Reproduktion rassistischer Stereotypen konterkariert wird.

Es geht dem ADV-Nord e.V. mit dieser Stellungnahme ausdrücklich nicht lediglich um einen Beitrag zur politisch korrekten Verwendung von Begriffen und Bildern, sondern um ein tiefergehendes Verständnis; es geht um eine Sensibilisierung dafür, wie beleidigend und herabwürdigend derartige Rassismen für afrikanische Menschen sind auch dann, wenn sie gar nicht so gemeint sind.

Wir alle, die hinter dem Verband stehen, streben eine Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts für alle Teile der Gesellschaft in Deutschland an und laden die Menschen ein, sich mit rassistisch besetzten Bildern und Begriffen reflektiert und kritisch auseinander zu setzen, damit der Dialog auf Augenhöhe gewährleistet ist.

Hannover, im März 2010 Abayomi O. Bankole Vorsitzender des ADV-Nord e. V. Dr. jur. Arnaud Lionel Ngassa Djomo Delegierter beim ADV-Nord e.V.
www.adv-nord.org

Tanya Urys geschriebene Poesie könnte man als „konkret“ bezeichnen: wegen des visuellen Design beim Betrachten und wegen des unkonventionellen Klangs beim Aufsagen derselben – die Texte gewinnen dadurch Dimensionen jenseits der gängigen Wort-Bedeutung.

2011 gestaltete Ury 17 konkrete Gedichte als "Bildgedichte" (sowohl als  Online- wie als Druckfassung (23,5 x 32,45 cm), Bildbearbeitung Mirco Sanftleben. Zwei dieser Poeme - femininity, femininiation - erschienen einzeln, die anderen als Teile der Serien cement, weißer neger, concrete party & oral call, cross word, toned poems, two toned, pommes, taste of space, leeres archiv und seit 2011 hat Tanya Ury zusammen mit Kasander Nilist (Kontrabass, Ton und Schnitt) auch sechs der eher traditionellen Gedichte aus ihrer Poesie-Reihe aufgezeichnet (toned poems: 5.54 Minuten). Die Aufnahme erscheint Online in der Juni-Edition von Imaginations – Journal of Cross-Cultural Image Studies, Universität von Alberta (CA), die sich der Künstlerin Ury widmet.
https://www.csj.ualberta.ca/imaginations/

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Auch andere Kunstarbeiten Urys lassen sich als „visuelle Poesie“ verstehen. Moving Message 1992, beinhaltet ein LED-Display mit den Wörtern: you are why; Sonata in Sea 1999-2000 ist eine Photoserie kombiniert mit Poesie und wrestlewithyourangel 2001 ist ein Neonleuchtzeichen, das zusammen mit dem Neonzeichen neonazi 2001 angefertigt wurde; der Titel eines Photo-Doppel-Porträts lesser is me more or less 2003 spielt auf den Namen von Lesser Ury an, den deutschen Post-Impressionisten, sowie auf den Titel eines weiteres Doppel-Porträts or else 2007, der auf die deutsche Autorin Else Ury deutet. Der Titel eines dritten Porträt-Photos Beelzebularin 2005 (in der Serie Promised Land) entschlüsselt sich als Anagram des biblischen „Bezalel Ben Uri“. half dimensional - semi detached 2010 schließlich kombiniert das erste der half dimensional poems mit der Photographie semi detached.