Archiv - Fury
 

2009

Video-Performance 2:05 Stunden und kurze Version 16 Minuten http://vimeo.com
(Adobe Flash Player Update umsonst unter Google)

 

Fury wurde auf Einladung von Tanja Ostojic für ihr Projekt "Misplaced Women?" ("Unangebrachte Frauen?") erstellt. Die Arbeit ist ein Performance—Video über den Verlust des Ury/Unger-Nachlasses beim Einsturz des Historischen Archivs in Köln am 3. März, gefilmt am 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit, zum zwanzigsten Jubiläum der Wiedervereinigung.

In Fury übernimmt Tanya Ury die Rolle einer der einer der drei Furien, jener auch Erinnyen oder Eumeniden genannten Rachegöttinnen der Antike, welche schwere Verbrechen vergelten. Sie trägt einen Koffer voller Drehbücher und Artikel ihres Großvaters Alfred H. Unger: dieser wurde vor zehn Jahren aus Versehen zu ihr nachhause geliefert, statt ins Stadtarchiv, und sie behielt ihn. Am „Loch“ - jenem Ort wo das Kölnische Stadtarchiv einmal gestanden hatte - verliest sie einen dieser Artikel, über Köln, von 1948.

Andere Arbeiten der Archiv-Serie, sind unter der Überschrift Archiv – Gewissen zu finden.

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"Tisiphone, Alecto und Megaera, die Erinnyen oder Furien, leben im Erebus, und sind älter als Zeus oder irgendein anderer Olympier. Ihre Aufgabe ist es, die Klagen anzuhören, welche die Sterblichen als Bittsteller gegen (...) Hausbesitzer oder Stadträte vorbringen und solche Verbrechen zu bestrafen, indem sie die Schuldigen unerbittlich jagen - von Stadt zur Stadt, und von Land zur Land, ohne zu ruhen noch zu rasten. Diese Erinnyen sind alte Weiber, mit Schlangen als Haar, Hundeköpfen, kohlschwarzen Körpern, Fledermausflügeln und blutunterlaufenen Augen. In ihren Händen tragen sie messingbeschlagene Geißeln, und ihre Opfer sterben unter Qualen. Es ist unklug, sie namentlich im Gespräch zu erwähnen; dementsprechend werden sie üblicherweise euphemistisch „die Eumeniden“ genannt, was ‚Die Liebenswürdigen’ bedeutet..."1

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1999, ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter Sylvia, und nach langen Überlegungen und Familiendebatten, bei denen das Londoner Leo-Baeck-Institut, ein jüdisches Archiv als passender Ort in Betracht gezogen worden war, den Ury/Unger Nachlass aufzubewahren, hatte Tanya Ury das Familienarchiv dem Historischen Archiv der Stadt Köln in Verwahrung gegeben; sie lebt seit 1993 in Köln - der Stadt, die die Heimat vieler ihrer Familienmitglieder aus früheren Generationen gewesen war. Es sollte eine Geste der Versöhnung und des Vertrauens Deutschland gegenüber sein, diese Dokumente, Briefe, Photographien und andere Objekte vieler Generationen dieser deutsch-jüdischen Familie von Künstlern und Geschäftsleuten, die durch die Nazis Verfolgung, Vernichtung oder Exil erfahren hatten zurückzugeben.

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Der Einsturz des Historischen Archivs in Köln bleibt immer noch ungeklärt ist aber wahrscheinlich auf Bodenbewegungen zurückzuführen, die sich vermutlich bei einem hydraulischen Grundbruch beim Bau der Nord-Süd-Stadtbahn ereigneten. Der Zusammenbruch weckt Erinnerungen an eine monumentale historische Katastrophe.

Im Alexandrischen Krieg 48 v. Chr. verbrannten 40.000 Buchrollen als Julius Caesar, wie allgemein angenommen wird, ein Feuer auf See anzündete, das sich versehentlich auf den Hafen und Bibliothek ausgebreitete. Der Vergleich ist nicht ohne Begründung: während die Bibliothek von Alexandria die größte der Alten Welt war, galt das Historische Archiv der Stadt Köln als größtes kommunales Archiv nördlich der Alpen, mit einer tausendjährigen Geschichte. Man fragt sich, welche Prioritäten in dieser Stadt zwischen Kultur und Kommerz im Spiel waren, als der Verlust der wichtigen historischen Archivmaterialien leichtfertig in Kauf genommen wurde.

1 S. 121, The Greek Myths, Robert Graves, The Folio Society, London MCMXCVI Thirteenth printing (two volumes) 2002 - Griechische Mythologie, von Robert von Ranke-Graves, Übersetzung Tanya Ury & Amin Farzanefar


Davka – Jüdische Künstler in Deutschland – Tanya Ury

Sie leben unter uns. Weitgehend unbemerkt von der jüdischen Öffentlichkeit soweit diese sich über die Kulturberichterstattung der offiziellen Jüdischen Presse definiert. Jüdische Künstler und Künstlerinnen, die ihren Wohnort in Deutschland aufgeschlagen haben, um Kunst und Lebensgeschichte in einen kreativen Dialog zu bringen, und der kulturellen Erstarrung entgegen zu wirken. Denn  als Folge  der Omnipräsenz politisch korrekter Wortrituale und Scheingefechte wie sie von der jüdischen Repräsentanz und ihren Helfern gerade in Deutschland durchgesetzt werden, wird die konstruktive Auseinandersetzung von Judentum und Gesellschaft, jüdischer Kultur und Politik gerade verhindert. Dass es anders geht, zeigt Tanya Ury, die jüdische und israelbezogene Themen in einen Dialog mit politischen Fragestellungen bringt. Die 1951 in London geborene Künstlerin, Verwandte u.a. von Lesser Ury, zog 1993 nach Köln, ein Ort, an dem bereits etliche ihrer Vorfahren wirkten. Sie hat das Kulturleben der Rheinmetropole bereichert. Nach dem Tod ihrer Mutter Sylvia geb. Unger entschied sie im Jahr 1999 sich überdies, den Nachlass mehrerer Generationen ihrer Familie dem Kölner Stadtarchiv zu überlassen. Ob Geben und Nehmen in einem guten Verhältnis stehen, darf bezweifelt werden, denn die Domstadt und ihre Vertreter haben sich für die Familie Ury und andere jüdische Familien, die ihre Nachlässe vertrauensvoll der Stadt Köln überlassen hatten als miserable Verwalter erwiesen: Es ist eine bittere Ironie, dass dieses Erbe, darunter Dokumente ihres Großvaters Alfred H. Unger, der mit Thomas Mann beim “German Pen in Exile” aktiv war, durch die Verschüttung des Historischen Stadtarchivs verloren gegangen sind. Folge nicht nur massiver Fehler beim U-Bahn-Bau, sondern vor allem einer  gleichgültigen, durch den “Kölschen Klüngel” sedierten Stadtverwaltung. Die verschütteten jüdischen Nachlässe scheinen die Auslöschungsmaßnahmen der Nazis fortzusetzen; Tanya Ury erkennt in ihnen die unentwegt sich fortsetzende Unsichtbarmachung der jüdischen Präsenz, des jüdischen Körpers. In ihren  Projekten reflektiert sie das Verschwinden der jüdischen Präsenz und die Abwehr der Erinnerung an die Opfer mit Ironie und einer Konsequenz, die dem Betrachter in jeder Hinsicht unter die Haut geht...“

Ausschnitt aus dem Artikel: Künstler-Portrait von Hanna Rheinz in “Der Semit – Unabhängige Jüdische Zeitschrift”, Edition Nr. 6, Dezember 2009 – Januar 2010 (D)