Die Sinne: Intimacy (Intimität) (Tastsinn)  
 

2008 (D)

Video/performance (Work in Progress) English

Weitere Arbeiten der Serie The Senses (Die Sinne) sind:
The Senses (Die Sinne): Zucchini (Geschmackssinn)
The Senses (Die Sinne): Ô d’Oriane (Geruchsinn)
The Senses (Die Sinne): Play it by Ear (Lass mal Hören) (Gehör)
The Senses (Die Sinne): Play in Camera (Gesichtssinn)

 

1989 lebte ich einige Monate bei meinem Großvater Alfred Unger in Köln am Rhein und entdeckte in seiner Bibliothek das literarische Werk des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Nachdem ich die Romantrilogie „Wege der Freiheit“ gelesen hatte, fuhr ich mit seiner einzigen Kurzgeschichtensammlung „Die Mauer“ fort, die er zwischen 1940-44, vor seiner neunmonatigen Inhaftierung als deutscher Kriegsgefangener geschrieben hatte – er war 1939 in die französische Armee einberufen worden. Eine dieser Kurzgeschichten hieß “Intimité” (Intimität).

xxxxxxxxxx„‘Dann haben wir uns ausgesprochen: ich habe ihm die Lippen mit einem Handtuch xxxxxxxxxxabgewaschen und habe ihm gesagt, dass ich es satt hätte, dass ich ihn nicht mehr xxxxxxxxxxliebte und dass ich wegginge. Er hat angefangen zu weinen, er hat gesagt, er xxxxxxxxxxwürde sich umbringen. Aber das zieht nicht mehr: erinnern Sie sich, Rirette, xxxxxxxxxxletztes Jahr, bei dieser Rheinlandgeschichte1, lag er mir jeden Tag damit in xxxxxxxxxxden Ohren: es gibt Krieg, Lulu, ich werde einrücken und werde getötet, und du xxxxxxxxxxwirst mir nachtrauern, du wirst den Kummer, den du mir gemacht hast bereuen. xxxxxxxxxx‚Schon gut’ antwortete ich ihm, ‚du bist impotent, du wirst ausgemustert.’“2

xxxxxxxxxx“’Intimität’ setzt die Erkundungen des zeitlos-faszinierende Terrains der xxxxxxxxxxpsychopathia sexualis fort: Ehemänner, die nicht können (oder wie Sartre es xxxxxxxxxxvermutlich sagen würde, nicht wollen) und Geliebte, die es können aber eine xxxxxxxxxxSchweinerei auf den Bettlaken hinterlassen. Die ekelhaft süßlichen xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxSinnesempfindungen eines nackten Beines, das auf die schneckenartige Spur von xxxxxxxxxxSperma trifft, wurde selten brillanter beschrieben – Sartre wieder, meisterhaft xxxxxxxxxxin seinen triefenden Evokationen der schleimigeren Aspekte des Lebens. xxxxxxxxxx’Intimität’, der Titel der Geschichte, ist für Sartre ein negatives Wort: es xxxxxxxxxxsuggeriert scheußliche Geheimnisse, die verborgen bleiben, in bürgerlichen xxxxxxxxxxSchlafzimmer oder in dunklen Rückzugsgebieten der Psyche vergammeln.”3

Ungefähr 10 Jahre später entdeckte ich, dass Hanif Kureishi (Produkt eines nicht-praktizierenden muslimischen Vater aus Karatschi, Pakistan und einer englischen Mutter4) eine Novelle mit demselben Titel wie Sartres Kurzgeschichte geschrieben hatte. Die gemeinsamen Merkmale von Sartres and Kureishis „Intimitäten“ sind das Scheitern der Ehe und die Flucht in sexuellen Zwang. Ich habe aber nichts entdeckt, das den Schluss gestattet Kureishi habe seine „Intimität“ (Rastlose Nähe) als Widmung mit Bezug auf Sartres ursprünglichen Text geschrieben.

xxxxxxxxxxDies nun könnte unser letzter Abend als unschuldige, intakte, ideale Familie xxxxxxxxxxsein; meine letzte Nacht mit einer Frau, die ich seit zehn Jahren kenne, einer xxxxxxxxxxFrau, über die ich nahezu alles weiß und von der ich nichts mehr wissen will. xxxxxxxxxxBald schon werden wir wie Fremde zueinander sein. Nein, das können wir nie sein. xxxxxxxxxxJemanden zu verletzen ist ein Akt widerwilliger Vertrautheit. Wir werden xxxxxxxxxxeinander gefährliche Bekannte mit einer gemeinsamen Geschichte sein.5

Ich wollt bereits ein Stück über die Intimität und den Tastsinn schaffen, welches Texte von Sartre und Kureishi einschließen würde, bevor ich erfuhr, dass diese Schriften als Filme adaptiert worden waren: 1994 setzte Dominik Moll Sartres “Intimität” (in Frankreich gedreht) um; Kureishis “Intimität” (Rastlose Nähe) wurde 2001 in London von Patrice Chereau verfilmt (von beiden Filmen habe ich nur den zweiten gesehen).

1 “Die Referenz zum Rheinland suggeriert ein Datum für diese Geschichte, weil der entmilitarisierte Teil des Rheinlands wurde im März 1936 von den Nazis besetzt wurde.“ S. 97 aus Andrew Browns Notizen in der 2005 englischen Publikation von „Die Mauer“ („The Wall“), Modern Voices, Hesperus Press ((UK) ISBN: 1-84391-400-x
p. 97. Englischer Version “The Wall”, 2005

2 S. 90, Die Kindheit eines Chefs, 12. Auflage September 2005, Rowohlt Taschenbuch Verlag ISBN 3 499 15517 6

3 Andrew Brown, Einführung zu “The Wall”, 2005, S. xvi Ebenda 1

4 The Films of Hanif Kureishi (Die Filme von Hanif Kureishi), Mo Shah, December 19, 2004 www.egothemag.com

5 S.7 Intimacy, Rastlose Nähe, Hanif Kureishi 1998, Fischer Taschenbuch Verlag 2008 ISBN 978-3-596-17977-0

 
mehr