Jacob’s Ladder Presse  
 

Jürgen Kisters, Kölner Stadt-Anzeiger

Tanya Ury, Hochbunker Köln-Ehrenfeld bis 10.11.2002

Im biblischen Buch Mose träumt Jakob, dass eine Leiter auf Erden stand, die mit der Spitze an den Himmel rührte und auf der die Engel Gottes auf und nieder stiegen. Zwanzig Jahre später hat er erneut eine Vision. Er ringt in der anbrechenden Morgenröte mit einem Engel, will ihn nicht gehen lassen und sagt: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn." Die Bilder der Himmelsleiter und vom Kampf mit dem Engel wurden für die Künstlerin Tanya Ury zum Bezugsrahmen eines fünfjährigen Projektes, dass sie jetzt im Hochbunker in der Ehrenfelder Körnerstrasse vorstellt. Thema sind die Gestalt eines versteinerten Seepferdchens in einer Museumsvitrine, Neonazis, mit Graffitis bekritzelte Verkehrsschilder, Irrtümer, erogene Zonen und eine englisches Brettspiel über Schlangen und Leitern.

Darin geht es vor allem um die Aktualisierung des Vergangenen in der Erinnerung und die Erkenntnis, dass in der persönlichen wie in der kollektiven Geschichte nichts wirklich verloren geht. "Kann man seiner vorgegeben Identität entfliehen,"fragt die Künstlerin. 1951 als Kind deutsch-jüdischer Emigranten in London geboren, hatte sie erst im Alter von 37 Jahren das Gefühl, mittels Kunst eine eigene Sprache zu finden. Und indem sie sich seitdem ihre eigene Geschichte erzählt, gelingt es ihr, sich von den Zwanghaftigkeiten vorgegebener Festlegungen freizumachen. Dazu gehört, überall im Alltag auf die Spuren der eigenen Erinnerung zu stoßen und darin Zeichen zu entdecken, die einer achtsamen (Neu-)Deutung bedürfen.

Das sind kleine Hakenkreuze und Judensterne als Graffiti auf Verkehrschildern entlang eine Strasse in Mallorca, die nicht zuletzt aufgrund der Interessen deutscher Touristen verbreitert wird. Das ist, auf dem Hintergrund der Zwangsarbeiter-Entschädigungen, der Blick auf die versteckte Kontinuität in der Mode der Bekleidungsfirma Hugo Boss, die immer noch auf die Rolle des "dunklen Engels" und das Gewand der Einschüchterung setzt, die sie als zugelassene Lieferfirma für SA- und S-Uniformen der Reichmeisterei bereits im Dritten Reich als modisches Konzept verfolgte. Und das ist die Verbindung des Bildes einer spanischen Peseta-Münze, auf der ein Hakenkreuz in das Portrait General Francos geritzt wurde, mit dem Pressefoto einer behinderten deutschen Jugendlichen, die sich selbst ein Hakenkreuz in ihre Wange gekratzt hatte, um zu behaupten, von Skinheads angegriffen worden zu sein. Die gedankliche Beklemmung inmitten dieses Ensembles aus Fotografien, Videoarbeiten, Neonschrift-Zeichen und Zeitungsausschnitten ist unausweichlich. Und sie wird durch die Atmosphäre des Bunkers, in dem die Angst und Bedrückung der nationalsozialistischen Vergangenheit noch eine Spur körperlich präsent ist, zusätzlich verstärkt.

Hochbunker, Körnerstrasse 101, Fr-So 15-19 Uhr, bis 10.11.

 
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