Jacob’s Ladder:
Red Hot Pokers
 

2003
Video 34 Min Beta SP, PAL 4:3
Dokumentation eine Performance mit Rolf Steiner
Hochbunker Köln-Ehrenfeld (D) 9.11.2002

2005
Trailer 6 Minuten

 

Red Hot Pokers ist eine in der Vorstellung existierende Interaktion zwischen dem Diktator Adolf Hitler und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein. Tanya Ury und Rolf Steiner lesen auf Englisch willkürlich ausgewählte Auszüge, aus „Mein Kampf“ 1924 und „Bemerkungen über Farben“ (Remarks on Colour) 1950, geschrieben in England.

Während des Dritten Reiches wurde jede deutsche Familie durch den Staat mit einem Exemplar von „Mein Kampf“ versorgt; in Deutschland sind Verkauf und Besitz dieses Buches heutzutage ebenso verboten, wie die öffentliche Lesung. Für ihre Performance verwendet Tanya Ury eine in Kroatien gedruckte und in Slowenien gekaufte deutschsprachige Kopie.1

Der Kontraste zwischen den zwei Texten, der erste eine mächtige politische Propaganda, der andere eine blumige Sprachphilosophie, ist gewaltig –offensichtlich wird, dass Sprachspiele keine Macht gegen die Tyrannei haben können; die resultierende Performance, ob auf Englisch oder in Deutsch gespielt (auf Deutsch mit Kristof Szabo, 16.12.2007, Kunstbunker Tumulka, München) ist bezaubernd absurd, die Verfremdung des auf Englisch zitierten „Mein Kampf“ dennoch äußerst bezwingend.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx***

Hitler und Wittgenstein gingen beide als 14- Jährige in die gleiche Schule im österreichischen Linz; beide wurden auch in Abstand von 6 Tagen geboren, der eine am 20.4.1889 und der andere am 26.4.1889.

In Urys Performance wird Karl Popper, der Wettstreiter für um die philosophische Krone, durch Adolf Hitler ersetzt. 1946 fand in einem Seminar des Moral Science Club ein berüchtigtes Poker-Spiel der Wörter zwischen Wittgenstein und Popper statt. Es war das einzige Zusammentreffen, der beiden österreichisch- jüdischen Emigranten.

Dabei ergriff Wittgenstein, der seine Gedanken zu illustrieren versuchte, ein heißes Schüreisen aus dem Feuer (im englischen ‚Poker’ genannt) und schien Popper damit zu bedrohen. Während sie ihre Dominanz in den Sphären der Philosophie demonstrieren wollten, erinnerten Wittgenstein und Popper einander an die Nutzlosigkeit der Philosophie im Anblick von Hitlers brutaler Macht. Aber war das der wirkliche Grund ihres Streits?

Die dokumentierte Performance fand bei der Finissage von Tanya Urys Ausstellung Jacob’s Ladder in dem Hochbunker Köln-Ehrenfeld am 09.11.2002 statt, dem Jubiläum der Reichkristallnacht. Der Bunker war auf dem Ort errichtet worden, wo früher eine Synagoge stand, die 1938 in der Reichskristallnacht zerstört wurde.

The Poker Game, eine weitere Performance Tanya Urys, in der sie die Rollen von Hitler und Wittgenstein spielt, entwickelt die Themen von Red Hot Pokers weiter.

1 Gegen Ende einer USA-Reise in 2008 war ich überrascht, in dem New York Buchladen „Borders Airport Stores“ unter einigen anderen Bestsellern mehrere Kopien der englischen Version von „Mein Kampf“ zu finden. T.U.

 

 

„Unsere Annahme besteht darin, dass dieser ‚eine jüdische Knabe’, auf den sich Hitler in ‚Mein Kampf’ bezieht – dieses allererste Glied in der Kette des Hasses -, niemand anderes war als Ludwig Wittgenstein.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Hitlers unbekannter Jude wirklich Wittgenstein war? McGuiness schreibt, dass es nur ‚eine Handvoll’ Juden an der Schule gab. Das wird von Hitlers eigener Beobachtung gestützt: ‚Linz besaß nur sehr wenig Juden.’1 Wüßten wir, dass es nur einen Schüler jüdischer Abstammung an der Schule gab, wäre der Fall geklärt, und es gäbe überhaupt keinen Zweifel, dass Hitlers Jude Wittgenstein war.“ Der Jude aus Linz, Hitler und Wittgenstein, Kimberley Cornish 1998, deutsche Ausgabe S. 25, Verlag Ullstein

„Erst in meinem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre stieß ich öfters auf das Wort Jude, zum Teil im Zusammenhange mit politischen Gesprächen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte mich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle Stänkereien vor mir ausgetragen wurden.
Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an.
Linz besaß nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Äußeres europäisiert und war menschlich geworden; ja, ich hielt sie sogar für Deutsche. Der Unsinn dieser Einbildung war mir wenig klar, weil ich das einzige Unterscheidungsmerkmal ja nur in der fremden Konfession erblickte. Daß sie deshalb verfolgt worden waren, wie ich glaubte, ließ manchmal meine Abneigung gegenüber ungünstigen Äußerungen über sie fast zum Abscheu werden.
Vom Vorhandensein einer planmäßigen Judengegnerschaft ahnte ich überhaupt noch nichts.
So kam ich nach Wien.“ S. 55, Adolf Hitler, Mein Kampf, 1925, – 666.-670. Auflage 1942 Band II 1927 by Verlag Frz. Eher Nachf., GmbH, München/Printed in Germany. Druck: Waldheim-Eberle, Nachfolger Buchgewerbe-Haus M. Müller & Sohn, Wien – Croatiaknjiga, Zagreb, 2002 www,croatiaknjiga.hr

1 S. 12 Ludwig Wittgenstein: The Duty of Genius, Ray Monk, Verlag: Jonathan Cape 1990)


Tanya Ury
 
  Begrüßung zur Finissage der Ausstellung Diasporas and Troubles am 16. Dezember 2007 Finissage RED HOT POKERS von Tanya Ury, mit Kristof Szabo

Die Performance RED HOT POKERS wurde erstmals in Tanya Urys Ausstellung „Jacob’s Ladder“ im Hochbunker Köln-Ehrenfeld 2002 präsentiert.

Die Idee zur Performance bildet ein Wortgefecht zwischen den Philosophen Karl Popper und Ludwig Wittgenstein, beide österreichisch-jüdischer Herkunft. Während des Streitgesprächs, das 1946 in Cambridge/England stattfand, greift Wittgenstein zu einem Schürhaken („poker“ im engl.), um seine Gedanken zu illustrieren. Popper fühlte sich bedroht.

Tanya Ury verfremdet das real stattgefundene Gespräch. Sie nimmt dabei biografische Bezüge von Ludwig Wittgenstein und Adolf Hitler auf. Beide sind im österreichischen Linz 1889 geboren, in einem kurzen Abstand von lediglich sechs Tagen. Sie besuchten beide die gleiche Schule, möglicherweise sogar die gleiche Klasse. Tanya Ury nimmt den Gedanken „der unheimlichen Zwillinge“ auf: Sie verfremdet das Streitgespräch der Philosophen zu einer Interaktion von Textauszügen aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ – dessen Publikation und Verbreitung in Deutschland verboten ist – und aus Ludwig Wittgensteins „Bemerkungen über die Farbe“.

Durch die willkürliche Auswahl der Texte, die sich nicht aufeinander beziehen, entsteht eine surreale Aussage: Eine brutale politische Dominanz steht einer abstrakten Philosophie der Sprache gegenüber.

Anette Frankenberger, Kuratorin, Kunstbunker Tumulka, München

 
mehr