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Zeitschrift für KulturAustausch Nr.04/04
Thorn in the side
(Mit Abbildung von Art Prize Nr. 4)
Interview mit Tanya Ury, von Amin Farzanefar
Die 1951 in London geborene Künstlerin Tanya Ury wohnt seit 1993
in Köln. Ihre Kunst wirft einen Blick darauf, wie in Deutschland
unter der Oberfläche der Alltagskultur Spuren des Nationalsozialismus
weitertransportiert werden. In ihren aktuellen Arbeiten, die ab dem
28. Januar (2005) zusammen mit den Werken von Künstlern wie Yael
Katz Ben Shalom und Uriel Orlow unter dem Titel "Stets gern für
Sie beschäftigt..." in der ifa-Galerie Berlin, Linienstraße
139/140 ausgestellt werden, thematisiert sie die NS-Vergangenheit des
Hugo-Boss-Konzerns, der in seinen Metzinger Produktionsstätten
Zwangsarbeiter beschäftigte.
Zeitschrift für KulturAustauch: Frau Ury, in ihren Arbeiten verfremden
Sie Werbeplakate von Hugo Boss. Wie sihet das im Detail aus?
Tanya Ury: Es gibt zwei Arten der Verfremdung, einmal die zur neuesten
Werbekampagne "Your fragrance your rules". Man sieht einen
jungen Mann, der seine Hand in die Kamera hält, auf deren Innenfläche
"Your Rules" geschrieben ist. Meine Arbeit hat zwei Teile:
diese neueste Werbung und dann meine eigene Hand, in die ich das Wort
"Boss" eingestickt habe, was ich dann digital mit "your
rules" zusammenbringe. Dann gibt es "Fashion Victim";
auch dort bringe ich zwei unterschiedliche Elemente zusammen: eine Werbung
für Männerduft "Dark Blue", wo ein Mann ziemlich
"satanisch" aus dem Bild schaut, mit dem Logo dazu: "The
darker side of Hugo". Das habe ich zusammen mit einem Artikel über
die Boss-Geschichte digital bearbeitet. Hier sieht man auch sämtliche
Uniformen. "The darker side of Hugo" - Absicht oder nicht,
dieser Slogan wirkt furchtbar zynisch. Ein Galerist war ziemlich empört,
als er meine Arbeiten sah, und fragte: "Was soll das eigentlich?
Wollen Sie sich rächen?" Es geht mir nicht um Rache, sondern
um die Aufarbeitung. Ich komme aus einer jüdisch-deutschen Familie,
die zur Zeit des Dritten Reichs sehr gelitten hat, und natürlich
leiden die Folge-Generationen mit - das geht nicht "weg".
KulturAustauch: Gerade in Deutschland gibt es doch längst eine
intensive Aufarbeitung und ein Auseinandersetzung mit der Geschichte
- was wollen Sie noch erreichen?
Ury: Man soll nicht aufhören, sich zu erinnern! Nach Kriegsende
ist alles unter den Teppich gekehrt worden, gerade die Verstrickungen
der Industrie. Leute, die Teile der Nazi-Maschinerie waren, haben einfach
weiter gearbeitet. Vieles wird erst jetzt bekannt. Und da sehe ich meine
Aufgabe: zu "pieksen". "A thorn in the side" sagt
man im Englischen. Die Boss-Arbeit beschäftigt sich damit, dass
keiner weiß, wie die Modeindustrie früher mit der Hilfe von
Zwangsarbeitern Uniformen gefertigt hat - ohne, dass die Arbeiter später
entschädigt wurden. Im Dezember 2004 habe ich in Berlin an einer
Protestaktion gegen die Flickkollektion teilgenommen. Hugo Boss hat
"nur" 150 Zwangsarbeiter beschäftigt, aber in der Rüstungsfirma
Flick waren es 50,000! Christian Friedrich Flick, der Enkel, sieht seine
Art der "Widergutmachung" darin, diese Kunstsammlung für
sieben Jahre zu verleihen - nicht zu schenken! Und die ehemaligen Zwangsarbeiter
bekommen von diesem Geld nichts...
KulturAustauch: Bei manchen Ihrer Inszenierungen verwenden Sie Versatzstücke
deutscher Mythologie: die Loreley, Schuberts Lied vom Heideröslein.
Was bedeutet dieser Sagenschatz für Sie?
Ury: Ich bin mit diesen Dingen aufgewachsen - obwohl wir in Großbritannien
gelebt haben. Mein Vater war Komponist und Musikkritiker, deutsche Musik
gehörte zum Familienalltag - und wir haben auch Reisen zur Loreley
gemacht...
KulturAustauch: Sie inszenieren ihre Kunst gerne sehr trashig...
Ury: Natürlich, das ist extremer Kitsch! Der aber hier besser aufgenommen
wird als in England. Was mich aber sehr erstaunt hat. Ich mache gerade
ein paar T-Shirts für die Arbeit "Boss Rune", auf denen
ich für die zwei "S" im Boss-Schriftzug das SS-Symbol
benutzt habe. In dem Copyshop, wo ich die Shirts machen lasse, waren
nette Leute, mit denen ich all Details besprochen habe. Aber als ich
ging, dachte ich: "Keiner hat etwas gegen das Motiv gesagt - und
eigentlich ist es verboten". Ich werbe jetzt schon auf meiner Website.
Ob ich irgendwelche "Bestellungen" bekomme - und von wem?
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