Who’s Boss Eine Serie künstlerischer Arbeiten mehr  
 

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1997 wurden Listen Schweizer Bankkonten aus der NS-Zeit veröffentlicht. Der Name ‚Hugo Boss, Metzingen’ tauchte auf und ernsthafte Fragen mussten beantwortet werden. Die 1923
gegründete Bekleidungsfirma wurde ab 1933 mit einem Vertrag für Uniformen von SS, SA und HJ (Hitlerjugend) privilegiert, nachdem der Begründer Hugo Ferdinand Boss 1931 Parteimitglied geworden war.

Uwe & Jochen Holy, durch Heirat die Enkel des Begründers, übernahmen die Firma Ende der 60er Jahre, änderten das Image und machten daraus ein international-bekanntes Modehaus. Durch Druck von außen wurde Boss gezwungen, sich mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen und Verantwortung für sie zu übernehmen; dies geschah allerdings erst, nachdem der Betrieb verkauft wurde und sich nicht länger in den Händen der Holy-Brüder befand. Der Finanzvorstand der Firma, Jörg-Viggo Müller, engagierte die Tübinger Historikerin Elisabeth Timm Ende 1997, um Recherchen über die Geschichte der Hugo Boss AG - für eine eventuelle Publikation zu unternehmen. Es stellte sich heraus, dass von 1940 bis Kriegsende 150 osteuropäische Personen, hauptsächlich aus Polen, Zwangsarbeit verrichten mussten; weiterhin waren 30 französische Kriegsgefangene in der Uniform-Produktion beschäftigt.

In einer E-Mail vom 18.4.2004, offenbarte Dr. Timm mir, "...dass diese Zwangsarbeiter nicht aufgrund staatlicher Vorgaben eingesetzt waren, sondern von den Unternehmen angefordert wurden, weil es sehr billige Arbeitskräfte waren. Zudem waren es oft auch sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte: In vielen Fällen fuhren Vertreter der Betriebe in entsprechende Industriezentren in die von Deutschland besetzten Gebiete in Osteuropa und rekrutierten gezielt Facharbeiter. Solch eine Fahrt zur Auswahl von Textilfacharbeiter/innen (Schneider/innen, Näherinnen) konnte ich auch für die Firma Hugo Boss nachweisen."

Im Jahr 1946 wurde Hugo Boss als Mitläufer erklärt und aufgefordert eine Geldbuße von 100,000 RM an den Staat zu leisten; diese leistete er weder bis zu seinem Tod am 9. August 1948, noch wurde sie danach von seiner Familie bezahlt. Bis in die 1990er Jahre waren alle Klagen ehemaliger Zwangsarbeiter erfolglos geblieben; die ersten Sammelklagen, die dann zur Einrichtung des Entschädigungsfonds von deutscher Wirtschaft und deutschem Staat führten, folgten 1997.

"Mark Spoerer, Historiker an der Uni Hohenheim, schätzt, dass im Jahr 2000 noch 2,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter am Leben sein dürften. Im Februar 1999 einigten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder, der die Entschädigung offensiv angehen wollte und zwölf deutsche Unternehmen auf die Einrichtung eines Stiftungsfonds. Später schlossen sich vier weitere Firmen an, zusammen sind sie die sechzehn Gründer der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".
www.metzingen-zwangsarbeit.de

Bei der Bundesstiftung konnte jeder Zwangsarbeiter, der nicht im Konzentrationslager oder in einem Arbeitserziehungslager war, eine Entschädigung von maximal 5000 DM beantragen. Die beteiligten Firmen zahlten mindestens 1 Promille ihres aktuellen Jahres-
Umsatzes in den Fonds ein (aber auch nicht mehr) und erhalten damit die sogenannte "Rechtssicherheit" vor weiteren Ansprüchen der ehemaligen Zwangsarbeiter. Umgekehrt gibt es hier für die Zwangsarbeiter jedoch keine Sicherheit auf Entschädigung, da der Fonds zu gering dotiert wurde und zahlreiche Anträge auf Entschädigung abgelehnt wurden oder weil deutlich weniger als die maximalen 5000 DM pro Person ausbezahlt wurden. Rechnungen des Historikers Thomas Kuczynski belegen, dass den Unternehmen durch die Zwangsarbeit - in heutiger Währung gerechnet - Vorteile von 92 Mrd. Euro entstanden sind. Zwangsarbeiter bekamen weniger oder gar keinen Lohn; diese Differenz zum Lohn der deutschen Beschäftigten bezifferte Kuczynski mit 180 Mrd. DM. D.h.: Beeinträchtigungen, Schäden und Leiden, die durch Krankheit, Verstümmelung, Verschleppung, Zerstörung der Lebensplanung, Tod von Familienangehörigen usw. entstanden sind, sind in diesen 180 Mrd. DM noch gar nicht enthalten.

Die überlebenden Opfer, auch der Firma Hugo Boss, konnten erst ab 2000 Entschädigung beantragen; Boss hat keinen eigenen Entschädigungsfonds aufgelegt (wie z.B. Siemens oder VW), sondern lediglich an die "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft" die bekannten 1 Promille des Umsatzes bezahlt; die Stiftungsinitiative stellte wiederum insgesamt 5 Mrd. DM für die "Bundesstiftung 'Erinnerung, Verantwortung, Zukunft'", die mit 10 Mrd. DM bestückt wurde; die anderen 5 Mrd. DM stellte der Staat zur Verfügung. Wichtig ist: Sie konnten dort einen Antrag auf Entschädigung stellen, ob sie sie auch bekommen haben, ist nicht gewiss, denn eine Bewilligung ist nicht einfach durchzusetzen. Zudem reichte das Geld nicht für alle, so dass zunächst nur kleine Raten ausbezahlt wurden.

Aus Furcht, dass das Image der Firma durch die Ergebnisse ihrer Ermittlungen Schaden nimmt, entschied das Unternehmen Hugo Boss AG, Dr. Timms Dokumentation von 1998 nicht zu publizieren. Elisabeth Timm hat ihre Recherchen im Internet 2002 selbst veröffentlicht:
www.metzingen-zwangsarbeit.de

Tanya Ury, 2004
Vielen Dank an Dr.rer.soc. Elisabeth Timm für ihre sehr hilfreiche Unterstützung.

 
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