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Neues Deutschland, Berlin
01.02.2005
Grauen - nicht auf den ersten Blick
ifa-Galerie thematisiert Zusammenhänge zwischen Firmen und Naziverbrechen
- Von Robert Meyer
Mit der Ausstellung "Stets gerne
für sie beschäftigt" thematisiert die ifa-Galerie in
Mitte die Rolle der Industrie in der Zeit des deutschen Faschismus.
Die Galerie leistet Erinnerungsarbeit, ohne schreiend vordergründig
zu sein. Um das Grauen unter der Oberfläche zu erkennen, braucht
es mitunter etwas Zeit.
Beim Betreten der Galerie fällt der Blick sofort auf vier gerahmte
Bilder, die man spontan als ausgefallene Werbung für Hugo Boss
einordnet und erst mal nur im ästhetischen Zusammenhag sieht. Die
Bilder von Tanya Ury - jedes besteht aus einer Boss Werbung, einem Porträt
der Künstlerin und einem kitschiges Postkartenmotiv aus der Franco-Ära
in Spanien - thematisieren das Missverhältnis zwischen Verniedlichung
und tödlichem Ernst. Das Unternehmen Boss (Kleidung für die
SA) beschäftigte Zwangsarbeiter. Ein Video zeigt eine Frau (Tanya
Ury), die sich den Namen Boss mit Nadel und Faden in die Hand stickt,
dabei ertönt das Lied "Röslein auf der Heide". Eine
eindringliche Sequenz, die etwas perverses an sich hat. Aber sie verdeutlicht
eben, dass perverse Umgebungen und Umstände perverse Handlungen
erzeugen.
Der Ausstellungstitel bezieht sich auf ein Unternehmen in Erfurt: Mit
der Floskel "Stets gern für Sie beschäftigt..."
schloss die Firma J.A. Topf & Söhne die Korrespondenz mit ihrem
Auftraggeber, der SS-Bauleitung, die in den Konzentrations- und Vernichtungslagern
Krematoriumsöfen von Topf & Söhne einsetzte. Eine Fotowand
zeigt Bilder aus dem alten Fabrikgebäude und ein Videofilm Interviews
mit Erfurtern. Nur wenige wissen über das Unternehmen Bescheid,
fand die Künstler Yael Katz ben Shalom heraus. "Bus Stop"
von Renata Stih und Freider Schnock listet Fahrtrouten zu Vernichtungsorten
und Konzentrationslagern als Busfahrpläne auf.
Die Plastiken von Heidi Stern zeigen Szenen aus dem polnischen Film
"Der Fotograf". Darin wird die Arbeit eines Fotografen dokumentiert,
der den Auftrag hatte, Propagandafotos vom Ghetto in Lodz zu machen.
Das Ergebnis war eine Art technischer Hyperrealismus, in der die menschliche
Seite völlig unterging. Die Plastiken geben den Menschen die Identität
wieder und zeigen sie gleichzeitig als die Todeskandidaten, die sie
waren. Ein weiteres Exponat sind Tondokumente die Gespräche mit
Angestellten aus dem ältesten Archiv zum Holocaust in London wiedergeben.
Etwas versteckt liegt ein beeindruckender Teil der Ausstellung - vielleicht
so gewollt. Man soll es wohl zum Schluss finden. Das siebenminütige
Video von Uriel Orlow zeigt nur ein altes Hallenbad, in dem kurz ein
schwimmender Mensch zu sehen ist.
Diese Bilder sind scheinbar weit vom Thema entfernt. Lässt man
sich dennoch darauf ein, haben sie unmittelbare Wirkung: "Hier
ist ein Ort der Trauer", könnte darüber stehen. Wenn
die Kamera über das Wasser gleitet, ertönt jüdisches
Trauergebet. Der Klagegesang ist an das Wasser gebunden. Das hat etwas
Befreiendes. Denn das Wasser erscheint in diesem Moment als ein reinigendes
Medium, in dem Schmerz und Wut aufgelöst werden können. Da
kommt Hannah Arendt in den Sinn mit ihrer Mahnung zur Trauerfähigkeit.
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